1. CD, DVD - CD Reviews 2011 ULI RENNERT project t ******
01. Mood Indigo (Ellington, Bigard), 02. Things: Ruby Moon (Rennert), 03. 7 come 11 (Benny Goodman, Charlie Christian), 04. T1 - Stop Time (Rennert), 05. Red (based upon Blue in Green by Miles Davis), 06. Moon River (Mancini, Mercer), 07. 2 - Slow Ballad (Rennert), 08. T3 - Medium Jazz, 09. Things: Shallow Yellow, 10. T4 2 (based on Tea for Two by Youmans & Ceasar), 11. Skin - Under my Skin (Cole Porter), 12. Things: Blue Moon (Rennert), 13. Things: Moonstruck, 14. Trombone Kid (based upon Orys Creole Trombone by Kid Ory)
Peter Kunsek - cl, bcl, Phil Yaeger - tb, voc, Frank Schwinn - g, Uli Rennert - synth, vocoder, lap-steel-guitar, Gregor Hilbe - dr
rec. 02/2010 pantau-x-records pt-x 103
„Standards gegen den Strich bürsten“ (oder in den Worten von Django Bates: „to arrange the hell out of something.“) Eine Faustregel könnte lauten, dass diese Lust, diese scheinbar respektlose Haltung eher unter europäischen denn amerikanischen Jazzmusikern verbreitet ist, unter weißen eher als unter schwarzen (letztere sehen dich denn doch am liebsten noch „in the tradition“.) Mit diesen Koordinaten landet man zielsicher in Graz, in der Steiermark: bei dem 1960 in Frankfurt am Main als Sohn einer Opernsängerin und eines Dirigenten geborenen Uli Rennert. Seit seinem Studium, seit über 30 Jahren lebt er in Graz, und auf seinen letzten beiden Alben baut er seine eigenen Stücke um verwegene Interpretationen von Standards. 2007 um Kompositionen von Thelonious Monk, in dem Quartett „PROJECT M“. Davon ist - jetzt widmet er sich dem Great American Songbook - noch der Klarinettist Peter Kunsek dabei. In manchem erscheint „project t“ dem kommenden Album von Nguyen Le „Songs of Freedom“ verwandt: die eigenen Stücke sind kaum mehr als gezielte Intros (oder hier auch Outros) zu den historischen Vorlagen, deren Interpretation geschieht ausschweifend, ja mitunter auch abenteuerlich.
Während Nguyen Le´s „Injektionen“ freilich mit Substanzen aus fast der ganzen Welt in die Originale schießen, beschränkt sich das Arsenal von Dr. Rennert eher auf europäische Ingredienzien. Das liest sich einschränkender als es klingt. Denn der Wahl-Grazer hat in seinen Netzen Stilpartikel aus Jazz, Rock, Funk, der Improvisierten Musik sowie der Instumenten-Elektronik eingefangen. Dazu gehören die pitch bendings des Mini Moog (a la Chick Corea in „Mood Indigo“, a la Jan Hammer in „T 4 2“, aber auch die Errungenschaften der Pop-Ästhetik wie down tempo, Freeze-Effekte, loops (in tracks 5 und 7, ja hier vermischt er sogar ein Netzbrummen mit der sonoren Baßklarinette). Der Rennert hört genau hin! Sein Hauptkunstgriff sind Kontraste mit Hilfe gedehnter Funk- oder Rock-riffs, geradezu paradigmatisch in dem opener „Mood Indigo“, der das immer noch sehr Ellington-haft gespielte Thema von einem trockenen 2-Takte-vamp umschließt. Hier wird ebenso ein Text gesprochen wie in dem irrsinnigen „Moon River“. Das Intro bestreitet ... eine Schreibmaschine, ein langsamer Beat an bass drum und snare Besen setzt ein, darüber räumliche Signale der Klarinette wie aus einem Schiffshorn. Allein diese Behandlung eines Klassikers ist ein Kunstwerk für sich, ein kleines, irrisierendes Drama einer quasi akustischen „film noir“-Ästhetik. „Tea for Two“ kommt mit wunderbar versetzten Stimmen über einem slow funk daher, und die einzige Interpretation, in der Mittel eines bestimmten Jazzstiles kanalisiert werden, ist im Two-Beat-Charakter von Cole Porters „Under my Skin“, freilich durchsiebt mit Extravaganzen wie sich beschleunigenden und verlangsamenden Tempi. Eine so durchgeknallte akustische Reise kann einfach nicht mit einem Schlußakkord enden - die Coda zu „Trombone Kid“ steckt in einem mystery track zu track 14, man muß einfach nur ausharren. Was nicht schwerfällt bei diesem Ideenfeuer.
project t Videos
erstellt: 04.02.11 ©Michael Rüsenberg, 2011. Alle Rechte vorbehalten 2. Uli Rennert project t
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Vielleicht ist Bandleader Uli Rennerts Musikauffassung so etwas wie die Essenz und Conclusio einer langen Auseinandersetzung mit dem Jazz und der gelungene Versuch, diesen in die Kunst-Gegenwart zu führen, ohne die Tradition, die damals aktuelle moderne Musik und dessen Komponisten gering zu achten. Mit seinem Quintett "project t" (abgeleitet von Typewriter und anderen T-Wörtern) greift er bekannte Stücke auf — wie Ellingtons "Mood Indigo", das er programmatisch an den Anfang stellt, "Red" (basierend auf Miles Davis’ "Blue in Green"), Henry Mancinis "Moon River", Cole Prters "[I've got you] under my Skin, T 4 2 (Youman/Caesars "Tea for Two") oder Kid Orys "Ory’s Creole Trombone" — und transponiert sie in eine artifizielle Welt des 21. Jazz-Jahrhunderts, in der Elektronik (Gregor Hilbe/dr), Rennerts Synthesizer und Vocoder, die Rockgitarre von Frank Schwinn, Peter Kunseks Klarinette und Phil Yaegers Posaune wie dessen von Musik unterlegte gesprochene Texte alle ihren gemeinsamen Platz finden. Eng verwoben sind alle Elemente, eigene kompositorische Einschübe und Brechungen ergeben ein modernes Musikgeflecht, das nach mehrfachem Hören verlangt, um immer wieder neue Ideen freizulegen, mit Sicherheit keine (endgültigen) Antworten, aber gut gestellt Fragen.
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